2000 Geschäftshaus Bahnhof Winterthur

Bauherrschaft: Schweizerische Bundesbahnen
Auftragsart: Studienauftrag 1. Preis
Projektierung, Ausführung: 1998–2000
Anlagekosten: CHF 25 Mio.
Projektentwicklung: Oliver Schwarz Architekten, Oliver Schwarz
Projektleitung: Christian Krebs, Stefan Clavadetscher

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Der gläserne Kubus unter dem Glasdach ist das Geschäftshaus am Bahnhof Winterthur.
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Modell
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Die grosse Arkade des neuen Bahnhof-Geschäftshauses vermittelt zwischen den Nachbargebäuden Coop und dem alten Bahnhof. / Im Bahnhof-Geschäftshaus.
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Fassadenabwicklung: Warenhaus Coop, Geschäftshaus Bahnhof Winterthur, altes Bahnhofgebäude / Grundriss-Situationsplan
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Aus der Deckenplatte des zurückspringenden 3. Obergeschosses erweitert sich das Raumgitter zum grossen Dach. Über dem Dach ist das 4. Obergeschoss zu sehen.
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Längsschnitt durch das Bahnhof-Geschäftshaus, daran anschliessend der glasüberdachte Platz mit Treppenabgang zur Perronunterführung. Rechts das alte Bahnhofgebäude.
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Querschnitt durch den neuen Platz am Bahnhof, daran anschliessend die Zug-Perrons (EG). Vom neuen Platz am Bahnhof führt die Treppe zur Fussgänger-Unterführung.

Das begehbare Raumgitter

Bei der ersten Begehung fiel uns auf, wie eng und verbaut die Platzverhältnisse waren. Eingeschossige Kleinbauten, die Jonas-Furrer-Galerie, ein fliegender Baukörper über der Haupttreppe der Personenunterführung, das Parkdeck mit seinen Treppen und Liften, all dies vermittelte einen düsteren Eindruck. Räumliche Weite und Licht sollten den Hauptbahnhof Winterthur von seiner Enge befreien. Die Idee einer offenen Halle zum Bahnhofplatz war der Ausgangspunkt unseres Architekturentwurfs.

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Überlagerung
An dieser zentralen Lage ‚möglichst viel öffentlichen Raum‘ und ‚möglichst viel Ladenfläche‘ zu realisieren war eine der Hauptforderungen des Wettbewerbes ‚Areal Zwischentrakt‘, zu dem wir 1995 von der SBB eingeladen wurden. Schnell war klar, dass bei den engen Verhältnissen die Anforderungen der Bahnkunden, Stadtpassanten, Velofahrer, Parkdeckbenützer und der Ladengeschäfte nur durch Überlagerung erfüllt werden konnten. Die alte Trennung zwischen Bahnbetrieb, öffentlicher und kommerzieller Nutzung musste aufgehoben und den praktischen Bedürfnissen entsprechend neu zusammengefügt werden. So konnten einerseits die Treppenhäuser, Lifte und Erschliessungskerne zusammengefasst und damit die vorhandenen Flächen besser genutzt werden. Andererseits entstand durch die Überlagerung von öffentlichen und kommerziellen Flächen ein zusammenhängender Raum mit der Qualität eines Marktplatzes. Die Wiederentdeckung dieses urstädtischen Orts an der Schlüsselstelle des Verkehrs war das Fundament unseres Projekts.

Ein städtischer Raum
Zwei senkrechte Räume von 20 Meter Höhe - vom Untergeschoss bis unters Hallendach - erweitern die Personenunterführung Süd und verbinden die Stadt mit der Unterführung. Einer dieser Räume ist offen und durch die Freitreppe mit der Halle verbunden. Die Rolltreppenanlage im anderen Raum verbindet alle Ladengeschosse und gibt den Blick zur Stadt frei. Durch die Entfernung zahlreicher provisorischer Bauten entstand auf dem Hausperron ein durchgehender Freiraum längs der Geleisefassade.
Das Gebäude versteht sich als begehbares Raumgitter und verbindet als überschaubarer, mehrgeschossiger, städtischer Raum die verschiedenen Nutzungen und Verkehrsträger. Der Bau betont die Nahtstelle, an der die Reisenden zu Mitspielern im Stadtraum, und das Gebäude zur aktiven Raumzelle wird. Das auffälligste Merkmal des Bahnhofplatzes sind die vielen Menschen in Bewegung. Sie werden auch die Hauptakteure im Gebäude sein.

Integrierte Konstruktion
Der kubische Aufbau des Raumgitters reagiert auf die verschiedenartige Umgebung. Das Hallendach mit seinen Stützen setzt auf dem Bahnhof einen optischen Schwerpunkt und relativiert die Höhe der benachbarten Bauten. Es lässt das bestehende Bahnhofgebäude unberührt als Solitär wirken und macht dessen Südfassade zum Teil des Hallenraumes. Der Kamin überragt an der Anschlussmauer die schwere Masse des benachbarten Kaufhauses und beraubt es so seiner Wuchtigkeit. Von der Strassenbaulinie leicht zurückgesetzt und in seiner Höhe abgestuft umreisst der Hauptbaukörper den neuen Bahnhofplatz.
Das gemeinsame Merkmal aller Neubauteile ist die durchgehende Rasterung des monochromen Raumgitters. Die Hallendachstützen, die Tragstruktur des Baukörpers und die vertikalen Pfosten der Fassaden gehorchen den Rasterschritten von 10.5 Meter und 2.5 Meter.
Die biegsteife Konstruktion Des Hallendaches weist keinerlei Diagonalelemente auf. Sämliche technischen Notwendigkeiten der Fassade wie Sonnenstoren, Lüftungsgitter, Fensterrahmen und Beschläge wurden in die Stützen und die Deckenstirnen integriert. Auch die haustechnischen Elemente wie Hallendachentwässerung oder Radiatoren wurden nicht als Bauteile aufgesetzt, sondern in die Konstruktion des Raumgitters eingebaut. Brüstungen und Geländer sind entweder aus Glas oder Vollstahl ausgeführt. So liessen sich Störungen durch Sekundärteile vermeiden, und das Raumgitter wirkt innen und aussen wie ein sauber geschnittener Passepartout.
Der architektonische Wille zur integrierten Konstruktion stellt sehr hohe Anforderungen an die Bautechnik. Die grossformatige Fassade und die Hallendachkonstruktion sind technische Meisterleistungen, die nur durch das hervorragende Know-how der beteiligten Firmen möglich geworden sind. Der technische und gestalterische Anspruch spiegelt ein Qualitätsbewusstsein wieder, das der Dynamik der modernen Verkehrstechnik entspricht. Oliver Schwarz, 2000

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